30/07/15 to 03/10/15  

EXPEDITION MEDORA – WIR GEFÜHL


Ein künstlerisches Projekt zum Motiv der Empathie von Shirin Damerji, Claudia Djabbari, Andrea Faciu, Sandra Filic und Peggy Meinfelder.

Eröffnung

09.09., 19 Uhr

Termine:

11. - 13.09. Programm zur Open Art 2015
24h einsehbar und geöffnet im Rahmen von Veranstaltungen
12.09., 19 Uhr Claudia presents: Inside the Group mit Videobeiträgen von Housemusic (UK, CA, USA), Misery Connoisseur (UK), School of the Event Horizon (UK), Peer Sessions (UK). Moderation Claudia Djabbari und Diana Ebster
18.09, 19 Uhr
"kunst kollektiv – kollektiv kunst" Ein Vortrag von Heinz Schütz über das Modell des Künstlerkollektivs
23.09., 19 Uhr "Philosophieren im Kunstraum" mit Dr. Giovanni Russo (Philosophischer Salon)
28.09., 19 Uhr
"vergruppt" Ein Künstlergespräch und Übungen mit Lisa Waas (social arts) und Expedition Medora
04.10., 19 Uhr Finissage mit den Lieblingssounds von Expedition Medora

2005 haben sich sieben Studentinnen der Akademie der Bildenden Künste München zu der Künstlerinnen-Gruppe EXPEDITION MEDORA formiert. Ihre erste gemeinsame Ausstellung wurde 2006 im MaximiliansForum gezeigt. Im Zentrum ihrer Präsentation stand damals die Auseinandersetzung mit dem jeweils eigenen biografischen Hintergrund in Bezug auf  soziokulturelle Gesellschaftsprozesse – die Mitglieder von EXPEDITION MEDORA haben fast ausnahmslos einen internationalen kulturellen Hintergrund, den sie in ihren Arbeiten in unterschiedlicher Weise thematisiert haben.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, in denen sich die Künstlerinnen weiterentwickelt und die Gruppe sich verändert hat. Erneut ist EXPEDITION MEDORA ins MaximiliansForum eingeladen.
In ihrem für den Kunstraum konzipierten und dort in den kommenden Wochen entstehenden Projekt  „Expedition Medora – WIR GEFÜHL“ beschäftigen sich Shirin Damerji, Claudia Djabbari, Andrea Faciu, Sandra Filic und Peggy Meinfelder mit dem Phänomen der Gruppe einerseits und mit dem Motiv der Empathie andererseits. In Auseinandersetzung mit der speziellen Qualität des Ausstellungsraums, der in einer öffentlichen Unterführung liegt, stellt das Projekt „WIR GEFÜHL“ die Frage nach dem Gefüge und Funktionieren einer Gruppe an sich.

Aus der Einladung des Kunstraums entstand das Konzept  zu einem Ausstellungsdisplay, das als Interaktionsfeld zur Recherche und für Aktionen zur experimentellen Erforschung der eigenen körperlichen Präsenz und gruppendynamischen Interaktion dienen soll. Das Projekt von EXPEDITION MEDORA nimmt dabei in künstlerisch spielerischer Form die Hintergründe menschlicher Handlungskonstellationen in den Blick und stellt Fragen zur Definition von Identität und Individualität und der aktuellen Wertigkeit gesellschaftlicher Empathie.

Aus der Recherche und unter Zuhilfenahme professioneller Anleitungen – etwa aus der Soziologie – werden gruppendynamische Szenarien und Empathie-fördernde Übungen, Vertrauenstests und  choreografierte Bewegungsabläufe entwickelt, die in den Ausstellungsraum übersetzt werden. Das MaximiliansForum, als Ort der Passage, wird zum Set. Die Ausführung dieser Übungen durch die Künstlerinnen selbst werden durch Videoaufnahmen dokumentiert. Die raumgreifende Installation des Sets dient als Plattform für diese Aufnahmen und bleibt anschließend Teil des Ausstellungs-Displays für die geplanten Veranstaltungen des Projekts. Eingeladen dazu sind u.a. der Kunsthistoriker und Kunstkritiker Heinz Schütz mit einem Vortrag zum Modell des Künstlerkollektivs; die Querdenkerin und Mediatorin Lisa Waas (social arts und Akademie Perspektivenwechsel), die ein Gespräch mit der Gruppe führen und vertrauensbildende Übungen vorschlagen wird. Der Philosoph Giovanni Russo wird im Kunstraum ein philosophisches Gespräch anbieten zu der Frage, ob Besucher sich einer Ausstellung bereits mit dem Gefühl von Gemeinschaftlichkeit nähern; und Expedition Medora-Mitglied Claudia Djabbari organisiert einen Abend mit Beiträgen von KünstlerInnen-Gruppen und Projekten aus der Londoner Kunstszene.
Als Besucher dieser Veranstaltungen ist man darüber hinaus eingeladen selbst – unter Anleitung der Künstlerinnen – an Empathie-fördernden Übungen teilzunehmen.

Mit kritisch selbstironischer Geste und spielerischem Ernst gegenüber der eigenen Situation als Künstlerinnen-Gruppe hat EXPEDITION MEDORA für ihr Projekt unter anderem verschiedene performative Versuchsanordnungen entwickelt, die als künstlerische Empathie-Übungen das Wir-Gefühl stärken sollen.

Empathie-fördernde Versuchsanordnungen:


"Üben der Balance"
Ein Baumstamm oder eine niedrige, im Raum aufgebaute Ziegelmauer dient dabei als Schwebebalken. Die TeilnehmerInnen reihen sich nebeneinander stehen auf dem Schwebebalken auf, umfassen sich gegenseitig an den Schultern und versuchen dabei gleichzeitig, während sie insgesamt in der Balance bleiben, als Gruppe Kniebeugen zu machen.
Die TeilnehmerInnen begegnen sich dabei mit ihren persönlichen Stärken und Schwächen und lernen lösungsorientiert zu handeln. Die gegenseitige Hilfestellung ist bei dieser gemeinsamen Balance-Übung unerlässlich.

"Raum für Aggression"
Negative Gefühle wie Wut oder Ärger, die aus nicht befriedigten Bedürfnissen entstehen, erzeugen emotionale Effekte auch bei den Interaktionen sozialer Gruppen. Eben dies bewusst zu bearbeiten, kann den Zusammenhalt einer Gruppe stärken. In der Rauminstallation sind verschiedene Objekte und Materialien integriert, an denen Aggressionen ausagiert und damit abgebaut werden können. Zudem werden sich auch die Künstlerinnen, geschützt  durch ein wattiertes Kostüm und einen Helm, als Gegenüber für die Lösung von aggressiven Emotionsstaus anbieten. Zum Schlagen dienen dabei verschiedenen, selbst gestaltete Schaumstoffelemente.

"Ein gemeinsames Ziel"
Grundlage für eine gemeinsame Gruppenarbeit ist ein gemeinsames Ziel. Als Aufgabe sollen die TeilnehmerInnen einen großen Nagel gemeinsam in einen Holzstück versenken. Die Spielregel dazu ist simpel: Mit einem Hammer versuchen alle Teilnehmerinnen des Spiels jeweils nacheinander mit einem Schlag den Nagel tiefer ins Holz zu treiben. Dies tun sie so lange, bis der Nagel versenkt ist, so dass durch die gemeinsame Anstrengung das Ziel erreicht wird.

"Selbst-/Fremd-Kategorisierung"
Die Zugehörigkeit oder Abgrenzung von einer Gruppe definiert sich über bewusste oder unbewusst Kriterien. Ein einzelner Mensch kann sich auch mit mehreren Gruppen identifizieren, Identitäten können sich überschneiden. Bereits banale Gemeinsamkeiten können so zum Beispiel Vertrauen schaffen und ein sogenanntes „Wir-Gefühl“ auslösen. Bei dieser Versuchsanordnung werden am Beispiel unserer Gruppenmitglieder solche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar gemacht. Jedes Gruppenmitglied hält ein Blatt in der Hand auf dem verschiedenen Begriffe aufgelistet sind und abgefragt werden. Diese Begriffe betreffen allgemeine wie sehr spezielle soziale Merkmale und Bedürfnisse. Durch die Überschneidungen bei mehreren Begriffen entstehen unterschiedliche Eindrücke von Verbundenheit und Abgrenzung.

"Keine. Einige. Einige nicht. Alle."
Diese Versuchsanordnung ist eine abstrakte Interpretation systemischer Struktur- bzw. Gruppenaufstellungen. Die Aufstellung ist eine Methode, die die räumliche Veranschaulichung nutzt, um Muster, Dynamiken, Hierarchien und Strukturen innerhalb einer Gruppe erkennen zu können und diese gegebenenfalls zu verändern.

Erste Versuchsanordnung: Die Gruppe bildet einen Kreis, später eine Linie im Raum. Ein oder mehrere Teilnehmer wechseln ihre Position und treten innerhalb oder außerhalb des Kreises bzw. der linearen Anordnung an eine neue Stelle. Der stetige Wechsel der Gruppenkonstellationen und ihrer Positionen im Raum wird zum choreographischen Ablauf und erzeugt ein ständig wechselndes, lebendes Diagramm.

Zweite Versuchsanordnung: Alle Personen bis auf ein Gruppenmitglied befindet sind jeweils in einer Ecke oder Position am Rand des Raumes. Die einzelne Person bewegt sich aus der Raummitte zu einem anderen Gruppenmitglied und wechselt mit ihr die Position, so dass diese Person zunächst in der Mitte steht und  dann mit einer neue, ihr angenehme Position eines weiteren Gruppenmitglieds tauscht. Es entsteht ein raumbezogener Bewegungsfluss ein steter Perspektivenwechsel.

"Hierarchiespiel mit Alpha, Beta, Gamma, Omega"

Die Hierarchie und Struktur einer Gruppe wird im Gruppenmodell des Soziologen Raoul Schindler dargestellt. In kurzen szenischen Sequenzen schlüpfen die Gruppenmitglieder von Expedition Medora abwechseln in die Persönlichkeiten von Alpha(Chef), Beta (Assistent), Gamma (Mitläufer) und Omega (Aussenseiter).

Fotos: Stills, Expedition Medora