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08.11.2016 19:00 bis 21:00  

Soziale Plastik?! Gesellschaftliches Handeln in der Kunstpädagogik!

Mit Jutta Görlich und SchülerInnen des Wittelsbacher- Gymnasiums und einer Fotoausstellung zu den Projekten „you never walk alone“ und „Der interkulturelle Maibaum“ von Edward Beierle.

Exkursion ins Wittelbacher-Gymnasium
in der Reihe „zeige deine Wunde 2016 / Teil 3 - Eine Rezeption“

Mittwoch, 9.11.2016, 19 Uhr

„Soziale Plastik?! Gesellschaftliches Handeln in der Kunstpädagogik!"
Mit Jutta Görlich und SchülerInnen des Wittelsbacher- Gymnasiums und einer Fotoausstellung zu den Projekten „you never walk alone“ und „Der interkulturelle Maibaum“ von Edward Beierle.
Ort: Wittelsbacher-Gymnasium, Marsplatz 1.

Jugendliche haben nur wenig Möglichkeiten, das eigene Leben und die eigene Umgebung als gestaltbar zu erleben. Die Veränderung unserer Lebenswelt ereignet sich nahezu wie von selbst in Folge von Digitalisierung, Globalisierung, Flucht und Migration. Das zeigt sich besonders deutlich am aktuellen gesellschaftlichen Hotspot, der Flüchtlingskrise, für die noch zu wenig zielführende Strategien entwickelt wurden.

Die Veranstaltung, die als externer Termin im Rahmen des Programms von „zeige deine Wunde 2016 / Teil 3 – Eine Rezeption“ des MaximiliansForums stattfindet, ist der Frage gewidmet, wie sich das Kunstkonzept und die künstlerische Lehre von Beuys in den schulischen Kunstunterricht hinein fortgesetzt hat.

Zur Veranstaltung ist eine Dokumentation mit dem Titel „Kunst als soziales Handeln“ entstanden, die die Gäste des Abends kostenlos erhalten. Zudem ist die Veranstaltung umrahmt von eine Ausstellung von Fotografien Edward Beierles, der beide Projekte fotografisch begleitet und die darin entstandenen, intensiven Situationen dokumentiert hat.

In dem P-Seminaren „you never walk alone“ und „Der interkulturelle Maibaum“, die 2015 und 2016 am Münchner Wittelsbacher-Gymnasium stattfanden, ist etwas entstanden, das sich nicht so einfach darstellen lässt: wie beschreibt man Beziehungen, die sich neu entwickelt haben, wie beschreibt und vermittelt man die zwischenmenschliche Erfahrungen, wenn sich zwei unterschiedliche Sprachen aneinander annähern, wie beschreibt man die Veränderungen in der eigenen Wahrnehmung oder die plötzliche, persönliche, innere Bewegung eines entstehenden politischen Engagements, und wie könnte man das fassen, was noch offen ist, was Prozess ist, weil daraus erst in der Zukunft etwas entsteht und von den erlebten Begegnungen beeinflusst sein wird?

Ein P-Seminar ist an Bayerischen Gymnasien ein „Projektseminar zur Studien- und Berufsorientierung“ und soll für die Schülerinnen und Schüler eine Vorbereitung sein auf die Anforderung in Hochschule oder Berufswelt, so die Definition. Jutta Görlich hatte ihre beiden P-Seminare kurzerhand erweitert zu einem Projekt zur weit übergreifenderen Orientierung als Mensch und Teil der Gesellschaft. Die Projekte von Jutta Görlich und ihren Schülerinnen und Schülern wurden zu einer sozialen Plastik, die weit über die Kunst hinaus reicht. Neben den Schülerinnen und Schülern, die es zu begeistern und zu begleiten galt, hatte Görlich die Schulleitung des Wittelsbacher Gymnasiums für ihre Projekte gewonnen, das Amt für Wohnen und Migration, die Flüchtlingsunterkunft aus der Richard-Strauß-Straße, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und die Kinder und Familien, mit denen ihre Schülerinnen und Schüler gemeinsam etwas Neues gestalten wollten.

In „you never walk alone“ war die scheinbar simple Auflage „Zeit miteinander zu verbringen, bei „Der interkulturelle Maibaum“ sollte eine gemeinsame Skulptur und ein Maifest entstehen. Aber sind dies Aufgaben für den Kunstunterricht? Die Handlungsempfehlungen des 2012 auf dem Bundeskongress der Kunstpädagogik verfassten Nürnberg-Papers, die Görlich in ihrem Text „Kunst als soziales Handeln I – Ein soziales interkulturelles Projekt im Kunstunterricht der gymnasialen Oberstufe“ als Ausgangsmotiv zitiert, stellen sich der Frage, was wesentliche Grundprinzipien von Bildung sind. Gerade eben „Erfahrungen von Differenz und Fremdheit“ werden darin als „wesentliche Bestandteile von Bildungsprozessen beschrieben, da sie erlauben, Vertrautes in produktiver Weise zu hinterfragen, und neue gesellschaftliche Strukturen zu gestalten.“ Beide Projekte wurden im besten Sinne zu „sozialen Plastiken“, die einer neuen Form von Kunstwerk und Kunstwirksamkeit entsprachen, vor allem aber weit über die Kunst hinaus reichten.

Was bedeutet das eine „soziale Plastik“? Das Adjektiv „sozial“ lässt sich herleiten als „gesellschaftlich“, „gemeinnützig“. Der Begriff der Plastik kommt aus der Bildhauerei, dem räumlichen Gestalten, das Material formt. Also ein auf die Gesellschaft bezogener Gestaltungswille, ein gemeinnütziges Handeln, in dem sich Neues entwickelt.

Der Künstler Joseph Beuys, der diesen Begriff der „sozialen Plastik“ in den 70er Jahren für seiner Arbeit geprägt hat, gehört zu den einflussreichsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich von gängigen, allgemeingültigen Vorstellungen gelöst haben, und ein eigenständiges und ihrer Zeit und deren gesellschaftlich und kulturellen Anforderungen entsprechendes Verständnis vom „Kunstwerk“ möglich gemacht haben. Mit seiner künstlerischen Arbeit hat Beuys neue Bereiche und eine neue Wirksamkeit von Kunst eröffnet. Sein Begriff der sozialen Plastik ist ein zutiefst der Idee der Gestaltungskraft und dem Mitwirken an Gesellschaft des Einzelnen verpflichtetes Konzept.

„I don’t believe in art. I believe in the artist / Ich glaube nicht an Kunst, ich glaube an den Künstler“ hatte Marcel Duchamp, einer der Mitbegründer der Konzeptkunst, Anfang des 20. Jahrhunderts formuliert. Bereits lange vor Joseph Beuys hatte Duchamp damit zum Ausdruck gebracht, worin das eigentliche Potential des Künstlers und der Kunst liegt: Andere davon zu überzeugen, dass seine Fragen und Auseinandersetzungen von Bedeutung sind. Nicht das Kunstwerk steht länger im Mittelpunkt, sondern das Handeln und das was der Künstler und seine Arbeit bewirken, was sie anstoßen. In der Folge dessen beginnt man auch vom „offenen Kunstwerk“ zu sprechen, wobei es nicht nur darum geht, dass der Inhalt der Arbeit unterschiedlich gelesen und interpretiert werden kann. Es geht darum, was die Situation des Kunstwerks beim Betrachter bewirkt, und ihn selbst als Bestandteil des Werkes versteht. Das mag zunächst verwirrend erscheinen, weil es uns plötzlich in eine neue Rolle setzt, und zudem nichts mit der klassischen Vorstellung von künstlerischer Handwerklichkeit zu tun hat: Wir sind nicht mehr nur Zuschauer, sondern Mitgestalter, denen das Potential des eigenen Handelns bewusst wird.