beyond coolness
Gletscherschmelzen und darüber hinaus
Alexis Dworsky, Tina Frank, Simon Hochleitner, Nadja Reifer
und Rehema Chachage
05.02. – 12.04.2026
Weltweit schmelzen die Gletscher dahin: das Goldbergkees in Österreich, das Blaueis in Deutschland und der sogenannte Furtwängler-Gletscher auf dem Kilimandscharo in Tansania.
Gletscher erscheinen dabei nicht als leblose Eisblöcke, sondern als dynamische Gefüge aus hohen Bergen, blauem Eis, aktiven Mikroorganismen, synthetischem Geotextil sowie abenteuerlichen Tourismusfantasien. Zwischen digitalen Animationen, glaziologischen Simulationen, audiovisuellen Spekulationen und klimapoetischen Begegnungsritualen wird dieses Viel-Werden als Verhandlungsgemeinschaft erfahrbar.
Das Verschwinden von Gletschern und der Blick auf die damit in Verbindung stehenden, vielgestaltigen Zusammenhänge unterschiedlicher Interessen an diesen Naturphänomenen, bilden das Zentrum des Ausstellungsprojekts „beyond coolness" und seiner Veranstaltungen. Zugleich erweitert das Projekt dieses Motiv zu einem breit gespannten, überraschenden, interkulturellen Diskurs.
Im Kontext des laufenden, interdisziplinär angelegten, künstlerischen Forschungsvorhabens „Beyond Glaciation" entsteht die Ausstellung „beyond coolness". „Beyond Glaciation“ begegnet der Klimakrise im Erfassen eines vielschichtigen Ist-Zustandes eines Gletschers und überführt diesen in spekulative Zukunftsszenarien.
Die digitale Kopie des Goldbergkees, die als Punktewolke aus mehreren Tausend Drohnenfotos unter dem Einsatz von KI entstanden ist, fixiert einen bereits jetzt vergangenen Zustand des weiter im Verschwinden begriffenen Gletschers. Darin lotet das Projekt die Potenziale aber auch die Widersprüche neuester digitaler Technologien in künstlerischen Prozessen aus. In der Ausstellung „beyond coolness" wird dies übersetzt in einen multimedial erlebbarer Raum, der von dem erzählt, was gerade verschwindet – und von dem, was daraus vielleicht entstehen kann. Wiederverwendetes Gletschervlies, über ein Traversensystem ausgelegt, wird dabei zum Display für die collageartige, bewegte Projektion der virtuellen Kopie des österreichischen Goldbergkess-Gletschers wie auch zum Raum für Performances und Diskussionen.
In der Kooperation mit der tansanischen Künstlerin Rehema Chachage und ihrem Projekt „We Paused the Clouds” erweitert sich das Thema verschwindender Gletscher zum interkulturellen Dialog. „We Paused the Clouds“ setzt Rehema Chachages Auseinandersetzung mit dem Kilimandscharo und dessen kultureller, ökonomischer, ökologischer und kolonialer Geschichte fort, die auch mit Deutscher Bergsteiger-Geschichte verbunden ist. 1912 entfernte Walter Fürtwängler im Rahme der kolonialen Besetzung Tansanias den Gipfelstein des Kilimandscharo. Der Gipfelstein des für die Bevölkerung heiligen Berges wurde zum kolonialen Artefakt. Dessen nach Furtwängler benannter Gletscher, ist heute ebenfalls im Verschwinden begriffen. Ursache hierfür ist der ausbleibende Niederschlag, was unter anderem wesentlich durch das Abholzen der Wälder am Fuß des Berges begründet wird, um den Berg für den Tourismus weiter zu erschließen. Wechselwirksam hat dies zahlreiche soziokulturelle Auswirkungen zur Folge.
Ausgehend von traditionellen tansanischen Ritualen zur Beschwörung von Regenwolken, entwickelt Rehema Chachage in ihrer Arbeit eine künstlerische Kosmologie, in der Wolken wie dort als reaktionsfähige Gesprächspartner verstanden werden. Wolken, mit ihrer unfesten, durchgehend in Bewegung befindlichen Form, die auch das weiße Geotextil des Gletschervlieses assoziieren lässt, werden hier zur Metapher für fließende Zustände. In ihrer Kosmologie, in der Rehema Chachage die Motive des schmelzenden Eises und der Wolken verbindet, stellt sie den Gletscherschwund nicht nur als Umweltkrise dar, sondern auch als kulturelle Krise und Verlust von Generationen übergreifenden Bindungen und Wissen.
Beteiligte Personen:
Rehema Chachage ist bildende Künstlerin, Schriftstellerin und Forscherin, und lebt zwischen Daressalam/Tansania und Wien/Österreich. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit der Kraft, die das Erleben von „Zusammengehörigkeit“ haben kann, um eine vorteilhafte Umgebung zu schaffen, in der Identitäten entstehen oder neugestaltet werden können. Dabei arbeitet sie oft mit ihrer Mutter und immer wieder auch mit ihrer Großmutter zusammen. Im Rahmen diese ungeschützten, prozessorientierten Forschung erschaffen sie gemeinsam ein „performatives Archiv“, in dem sie auf unkonventionelle Weise Geschichten, Praktiken, Rituale und andere mündliche Traditionen sammeln und organisieren. Dies mittels verschiedener Medien wie Performance, Fotografie, olfaktorische Wahrnehmung, Video, Essay, Text und physischen Installationen. Chachage erwarb 2009 einen B.A. in Fine Art an der Michaelis School of Fine Art, University of Cape Town/Südafrika und 2018 einen M.A. in Contemporary Art Theory an der Goldsmiths, University of London/Vereinigtes Königreich. 2025 hat sie ihre Promotion an der Akademie der bildenden Künste Wien abgeschlossen, wobei sich ihre Forschung auf alternative Formen des Wissens und der Wissensbildung konzentrierte.
Alexis Dworsky ist Künstler, Forscher und Professor für Mediales Gestalten an der Kunstuniversität Linz in Österreich. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München bei Res Ingold, und wurde von Bazon Brock über die Kulturgeschichte des Dinosauriers promoviert. In seinen Arbeiten verschränkt Dworsky den physischen Raum mit dem digitalen. So reiste er mit Google Street View um die Welt und hielt darüber Reisevorträge, nutz generative Künstliche Intelligenz, um auch dann noch Skateboardtricks machen zu können, wenn es die Knie nicht mehr mitmachen und digitalisiert verschwindende Gletscher, so dass man sie auch dann noch virtuell erfahren kann, wenn sie nicht mehr existieren. Dworsky lebt und arbeitet in Freising bei München, in Linz und im Unterwegs.
Tina Frank ist eine international tätige Designerin, Künstlerin und Professorin für Visuelle Kommunikation an der Kunstuniversität Linz. In ihrer Arbeit schlägt sie eine Brücke zwischen Datenvisualisierung, Musikvisualisierung und der Schnittstelle von Informationsdesign und bildender Kunst. Ihre Forschung konzentriert sich darauf, komplexe Informationen – von Text und Musik bis hin zu wissenschaftlichen Daten – in visuelle Erlebnisse zu übersetzen. Mit über zwei Jahrzehnten Erfahrung erforscht sie in ihrer Praxis die performativen Eigenschaften von Bildern und wie diese Wissen auf innovative Weise vermitteln. Im Rahmen des Projekts „Beyond Glaciation“ wird Tina Frank Daten über den Gletscher am Hohen Sonnblick audiovisuell umsetzen und so die digitale Rekonstruktion in die Ausstellung integrieren. Der virtuelle Gletscher wird dabei nicht nur an seiner Oberfläche zu erkunden sondern auch durch seine zeitliche Entstehungsgeschichte navigierbar sein.
Simon Hochleitner beschäftigt sich intensiv in seiner künstlerischen Forschung mit der 3D-Rekonstruktion und der digitalen Archivierung von Kulturgütern. Er ist an unterschiedlichen Projekten renommierter Institutionen beteiligt, darunter die Salzburger Festspiele und das Salzburger Marionettentheater. Sein Schwerpunkt liegt auf dreidimensionalen Erfassungsmethoden für mittelgroße Objekte. In seinem praxisbasierten PhD-Projekt „Digitale Simulacra – Welchen Mehrwert bieten virtuelle Replikate?” untersucht er die Bedeutung digitaler Archive und experimentiert mit neuen Ansätzen im innovativen Umgang mit digitalen Artefakten. Die Ergebnisse seiner künstlerischen Forschung wurden bereits auf verschiedenen Festivals präsentiert, darunter das Ars Electronica Festival 2022 in Linz und das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS).
Nadja Reifer ist eine Bio-Künstlerin und Forscherin, deren künstlerisches PhD-Projekt „Interspecies Incubation” kurz vor dem Abschluss steht. Dieses Projekt konzentriert sich auf die Integration menschlicher und nicht-menschlicher Perspektiven, und steht in Bezug zur Theorie eines feministischen Neuen Materialismus. In ihren Projekten untersucht sie Formen der Kooperation zwischen verschiedenen Spezies und setzen maschinelle Lernsysteme kreativ ein, um komplexe Interaktionen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen zu verstehen. In „Interspecies Incubation“ entwickelt Reifer beispielsweise Reaktoren, die Schleimpilze, maschinelles Lernen und menschliche Daten kombinieren, um multisensorische Erfahrungen zu schaffen. Dabei spielen auch die Motive von Fürsorge und Verantwortung eine Rolle - Themen, die auch für das Gletscherprojekt relevant sind.
Der Residency-Aufenthalt von Rehema Chachage wird durch das Förderprogramm „AIR-M – Villa Waldberta und Ebenböckhaus" ermöglicht.
Die Ausstellung steht im Kontext des Projekts „Beyond Glaciation", das vom FWF – Österreichischer Wissenschaftsfonds gefördert wird.