Gehalten zur Eröffnung am 4.2.2026, im MaximiliansForum
Liebe Freundinnen und Freunde der Künste,
wir stehen heute Abend hier im MaximiliansForum – in einem Raum, der eigentlich eine unwirtliche, modernistische Unterführung ist. Ein Ort des Übergangs, der dynamischen Bewegung, unter der Oberfläche einer lärmenden Weltstadt, deren Individualverkehr für den CO2-Ausstoß mitverantwortlich ist. Und genau hier, unter dem grauen Asphalt Münchens, begegnet ihr heute in einer Szenografie und einem Soundscape dem, was oben, auf den höchsten Gipfeln der Welt, gerade lautlos und doch mit gewaltiger Wucht verschwindet. Es geht um das Gletscherschmelzen und darüber hinaus.
Der Titel dieser Ausstellung lautet „Beyond Coolness“. Dies ist ein ausgesprochen gelungenes Wortspiel: „Coolness“ – ein Begriff, der nicht nur Kälte, sondern auch Lässigkeit, subversive Elemente sowie performative Ästhetik umfasst. Damit unterscheidet sich diese Kunstausstellung maßgeblich von anderen bekannten Darstellungen der Eisschmelze im Kontext der globalen Erderwärmung. Seit mehreren Jahren beschäftigen sich Künstlerinnen und Künstler wie Olafur Eliasson, Julian Charrière, Refik Anadol, Gregor Sailer oder Sebastião Salgado künstlerisch-dokumentarisch mit den weltweit schmelzenden Gletschern. Diese Ausstellung jedoch geht darüber hinaus (‚beyond‘) – sie integriert innovativste 3-D-Visualisierungstechniken sowie transkulturelle Erzählweisen, wie Ihr gleich im Ausstellungsraum sehen werdet. Sie versteht das nicht mehr ‚ewige Eis‘ als Zeitkapsel. Wenn wir an einen majestätischen Gletscher denken, sehen wir oft eine monumentale, unbewegliche weiße Masse. Doch das Projekt „Beyond Glaciation“ lehrt uns etwas anderes: Ein Gletscher ist keine tote, unbewegliche Eismasse. Er ist im Sinne von Bruno Latour eher ein ‚Holobiont‘ – ein lebendiges, dynamisches Netzwerk aus vielen verschiedenen Akteuren. Er ist das Gedächtnis von Gaia, das aus gefrorenem Wasser besteht und Mikroben, Relikte, Artefakte sowie Geschichten speichert, die bisweilen Jahrtausende alt sind. Ein Gletscher ist wie ein gigantisches, gefrorenes Palimpsest. Über Jahrtausende hat die Natur ihre Geschichten in das Eis eingeschrieben – Schicht um Schicht aus Pollen, Samen, Staub und Sedimenten. Doch während wir heute versuchen, diese verblassenden Zeilen mit den ‚digitalen Lupen‘ der KI zu entziffern, löscht die Erderwärmung das Pergament unter unseren Händen weg. Welche bruchstückhaften (Erinnerungs-)Spuren werden davon bleiben?
Stellt euch den Goldbergkees im Nationalpark Hohe Tauern in den Alpen vor, der neben dem Blaueis in Deutschland im Mittelpunkt des von der FWF-Österreich geförderten Forschungsprojekts von Alexis Dworsky, Tina Frank, Nadja Reifer und Simon Hochleitner steht und nun den Auftakt zu weiteren transdisziplinären Präsentationen wie „Beyond Coolness“ gibt. In seinen eisigen Tiefen und spektakulären Spalten ruhen etwa Mikroben und Viren, die seit der letzten Eiszeit tiefgefroren schlafen. Das ‚ewige Weiß‘ der Alpengletscher mit seinen Geheimnissen übt seit Jahrhunderten eine bedeutende Faszination auf SchriftstellerInnen, NaturwissenschaftlerInnen und KünstlerInnen aus. Es trug wesentlich dazu bei, den Alpenmythos zu begründen, noch bevor es zu einer Touristenattraktion wurde. Heute ist es mit seinem Schwinden zu einem stillen Mahnmal für den globalen Klimawandel geworden. Darin liegen auch die Folgen menschlicher Besiedlung und moderner Zivilisation verborgen: Mikroplastik, Rußpartikel oder die Überreste eines Flugzeugabsturzes von 1968 und prähistorische Relikte. Mit dem Schmelzwasser geht jetzt vielleicht alles den Bach hinunter: die Mythen und der Müll. Höchste Zeit für ein nachhaltiges und verantwortungsvolles Handeln, umweltpolitisch wie szenografisch!
Wie aber bewahrt und vermittelt man etwas, das in der Realität vielleicht kaum noch zu retten ist? Alexis Dworsky, Tina Frank, Simon Hochleitner und Nadja Reifer von der Kunstuniversität Linz haben sich nicht für Resignation und Fatalismus entschieden, sondern für nachhaltiges Handeln mithilfe spekulativen Designs und innovativer Artistic Research. Mit ihren vielfältigen Aufzeichnungs- und Visualisierungsinstrumenten wie Drohnenkameras, Photogrammetrie sowie neuesten KI-Verfahren, etwa Gaussian Splatting, sammeln sie nicht nur Daten und Informationen, sondern suchen auch die Faszination für die Gletscher zu wecken. Das Forschungsprojekt untersucht gleichzeitig, wie Daten und Informationen natürliche und künstliche Welten beschreibbar und erfahrbar machen und wie Daten und Informationen wiederum genutzt werden, um Welten neu zu formen und umzuwandeln.
Die Linzer KünstlerInnen stellen sich dabei mit ihren künstlerischen Visualisierungen und installativen Inszenierungen in die Tradition der künstlerisch-gestalterischen Darstellungen der Alpengletscher seit dem 18. Jahrhundert. Diese thematisierten in Kompositen noch vornehmlich die schreckliche Erhabenheit, die atemberaubende Schönheit, das Sublime und die menschliche Eroberung der alpinen Bergwelt. Landschaftsmaler von der Romantik bis weit ins 19. Jahrhundert lieferten vor der Erfindung der Fotografie und des Films erhabene, romantisch-realistische oder nahezu fotorealistische sowie heroisch-idealistische Porträts der hochgelegenen, schwer zugänglichen Gletscherlandschaften. Diese Darstellungen befinden sich im Spannungsfeld zwischen Dokumentation und künstlerischer Komposition (also bereits auch aus Synthese und Simulation). Beispiele hierfür sind die Werke von Caspar Wolf (1735–1783), Jean-Antoine Linck (1766–1843), Samuel Birmann (1793–1847) und Thomas Ender (1793–1875). Diese Landschaftsmaler brachten ihre Skizzen, Zeichnungen und Erinnerungen in ihre Ateliers, um sie dort künstlerisch auszuarbeiten und weiterzuentwickeln – oftmals durch freie gestalterische Ergänzungen aus der Fantasie und Imagination, um aus ihren Aufzeichnungen imposante Gemälde und Druckgrafiken zu schaffen.
Das, was Ihr heute hier im MaximilansForum seht, sind (virtuelle) 3D-Modelle und digitale Rekonstruktionen sowie eine Installation aus Gletschertextilien auf einem Traversensystem, inspiriert von einem neuen Umweltbewusstsein und dem Wissen um den unaufhaltsamen Klimawandel. Sie verbinden in ihrer Nachbarschaft unterschiedliche Perspektiven und interdisziplinäre Forschungsansätze. Denn – und das ist der entscheidende Punkt dieser gemeinschaftlichen künstlerischen Forschung – es geht hier nicht um eine reine dokumentarische Erfassung und gestalterische Modellierung, sondern auch um den Mehrwert einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Daten und Informationen. Der Einsatz von KI reproduziert beispielsweise nicht nur fotorealistisch die Geometrie und Geologie der Alpenwelt, sondern generiert auch neue An- und Einsichten und simuliert beispielsweise die einzigartige Atmosphäre des rasant dahinschmelzenden Eises. Sie erregt darin vielleicht am Ende mehr Empathie für das virulente Thema des Klimawandels. Die künstlerisch-gestalterische Auseinandersetzung mit dem exemplarischen Goldbergkees ist insofern eine emphatische Bewahrung sowie eine spekulative Fortschreibung seiner Historie. Die beteiligten KünstlerInnen erschaffen am Ende ein alle Sinne adressierendes Simulacrum, etwa in Form einer interaktiven VR-Installation mit gamifiziertem Storytelling, damit der verschwindende Gletscher als Raum der Möglichkeiten über die Zeiten erfahrbar bleibt, auch wenn der letzte physische Rest vielleicht bald längst als Wasser, Sediment und Geröll ins Tal gerauscht ist.
Wenn wir heute über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in den Künsten sprechen, tun wir das oft mit einer Mischung aus Skepsis und Staunen. Im Kontext von „Beyond Glaciation“ ist die KI kein Werkzeug der Reproduktion oder Instrument der Dokumentation, sondern ein wirkungsvolles Mittel, das die Fantasie anregende Spekulationen und Narrative ermöglicht. Sie fungiert als eine Art „neues Auge“, das in Schichten sieht und Muster erkennt, die uns sonst verschlossen bleiben. Das Paradigma der Ausstellung verschiebt sich hier vom bloßen Vermitteln von Wissen hin zum aktivierenden Generieren von Erkenntnis.
Eine Fotografie fängt einen Moment ein; sie ist flach und Zeuge einer eingefrorenen Zeit. Die KI dagegen tut hier etwas Magisches: Sie nimmt etwa tausende von Satelliten- und Drohnenbildern – flache Schnappschüsse aus unterschiedlichsten Winkeln – und beginnt zu ‚träumen‘, wie der Raum dazwischen aussieht. Sie berechnet dabei nicht nur die Geometrie der Geologie, etwa in Form einer Punktewolke, sondern ermittelt jetzt auch beispielsweise die Lichtdurchlässigkeit, den Glanz und die Brechung von Materialien und Texturen und schafft damit eine neue digitale Ästhetik. Traditionelle wissenschaftliche Visualisierungen sind oft nüchtern und faktenorientiert. Sie zeigen uns zum Beispiel rote Linien für den Rückzug des Eises, blaue Flächen für sein Volumen. Das ist wichtig für den Verstand, aber es lässt das Herz oft kalt. Die KünstlerInnen hier in der Ausstellung „Beyond Coolness“ wählen einen anderen Weg, der das Phänomen der Gletscherschmelze mithilfe der Szenografie und dem Soundscape sinnlich erzählerisch begreifbar macht. KI-Verfahren wie Gaussian Splatting und Techniken der Game-Engine erlauben eine multitemporale und multidimensionale Synthese und Simulation. Sie verknüpfen im Laufe des Forschungsprojekts so u. a. Echtzeitdaten des Hoher-Sonnnblick-Observatoriums mit überlieferten historischen Quellen, mit alten Karten, Gemälden oder Fotografien und sogar mit Mythen und Sagen wie dem rätselhaften „Venediger Männchen“.
Künstliche Intelligenz erlaubt es uns also, den Gletscher nicht nur als Ist-Zustand zu sehen, sondern durch seine Entstehungsgeschichte sowie potenzielle Zukunft zu reisen. Wir können dann in die Tiefen des kompakten Eises „zoomen“ – dorthin, wo Nadja Reifer die mikrobiellen BewohnerInnen – die uns fremden „Aliens“ der Erdgeschichte – mittels KI-Systemen digital zum Leben erweckt. Die KI ist hier die Schnittstelle (Interface), die uns die Sprache der Natur übersetzt, die normalerweise viel zu langsam oder viel zu klein für unsere Sinne ist. Doch das Projekt bleibt dabei nicht gänzlich unreflektiert. Wir nutzen hier vielleicht Technologie, um die reale Natur zu retten – zumindest virtuell. Aber diese machtvolle neue Technologie selbst ‚atmet‘. Sie verbraucht Energie, sie produziert (Ab-)Wärme, sie lässt den realen Gletscher selbst ein winziges Stückchen schneller schmelzen. Das ist die scharfsinnige Wendung von „Beyond Coolness“: Die KI wird nicht als Allheilmittel präsentiert, sondern als ein selbstreflexiver Spiegel. Sie zeigt uns, dass unsere Sehnsucht nach Bewahrung hier untrennbar mit unserem Drang zur technologischen Innovation verbunden ist – und dass wir lernen müssen, diese neuen ‚hippen‘ künstlerisch-gestalterischen Tools in der Kunst mit einer neuen Form der Nachhaltigkeit und ethischen Verantwortung einzusetzen.
Aber schaut euch genau um: Die Ausstellungsarchitektur selbst erzählt eine Geschichte von Widerspruch und Fürsorge. Wir sehen zum Beispiel gebrauchtes Gletschervlies. Diese skurrilen Geotextilien werden im Sommer über das Eis der Berghänge gelegt – vorgeblich, um es zu schützen und zu bewahren. Aber wir wissen: Es schützt meist nur die wirtschaftlich lukrativen Skihänge des Tourismus. Es ist ein Pseudo-Pflaster auf einer klaffenden Wunde in der alpinen Bergwelt, das gleichzeitig permanent fasriges Mikroplastik in das Ökosystem abgibt und paradoxerweise selbst durch seine allmähliche Farbveränderung in Grau und Schwarz am Ende zur weiteren Aufheizung führt. Alexis Dworsky hat dieses Material vom Müll gerettet. Es ist verschmutzt, zerfetzt, vom funktionalen Gebrauch gezeichnet. Hier im MaximiliansForum wird es sowohl zum Arbeitsmaterial als auch zum ästhetischen Display. Das Vlies fungiert als materielle Leinwand für die medialen Projektionen. Es bildet einen ästhetischen Raum, der – im Sinne von Re- und Upcycling – aus den Überresten einer akuten Rettungsmaßnahme gebaut wurde.
Das Ausstellungsprojekt „Beyond Coolness“ weitet zugleich den Blick über die Alpen hinaus. Durch die Zusammenarbeit mit der tansanischen Gastkünstlerin Rehema Chachage und ihrem aktuellen Projekt „We Paused the Clouds“ entsteht ein spannender transkultureller Dialog, wie multidimensional und multiperspektivisch über die Auswirkungen des Klimawandels gesprochen und gearbeitet werden kann: Während wir in Europa oft technisch-wissenschaftlich auf das Schmelzen des Eises blicken, bringt Rehema Chachage hier eine postkoloniale Sichtweise ein. Sie blickt auf den Kilimandscharo, auf den Furtwängler-Gletscher in Tansania – benannt nach einem deutschen Bergsteiger, einem schwierigen kolonialen Erbe. Für die Menschen in ihrer Heimat ist der Berg heilig, die Wolken sind Gesprächspartner. Wenn das Eis schmilzt, schwindet nicht nur Wasser durch die Veränderung der Landschaft, sondern auch ein besonderes kulturelles Archiv, ein vorkoloniales Ahnenwissen. Die Künstlerin lädt uns ein, im doppelten Sinne innezuhalten: „We Paused the Clouds“ verbindet die Wolken – diese flüchtigen Gebilde aus Wasser, die vielleicht einmal zu Eis werden könnten – mit dem flauschig-weißen Vlies der Alpengletscher.
Alles hängt mit allem zusammen. Der Gletscherschwund ist nicht nur eine globale ökologische Krise, er ist vielleicht auch eine moderne Krise unserer Bindung zur Erde oder, wie Bruno Latour erinnert, der Anlass und die Notwendigkeit, sich wieder auf die fragile und hauchdünne Schicht des Lebens auf diesem Planeten zurückzubesinnen – auf jene „kritischen Zonen“ der Erdoberfläche, in denen nur Leben möglich ist und die durch das Leben auch beständig umgestaltet werden. In dieser Ausstellung begegnet ihr daher auch den Urzeiten-„Aliens“ der Erdgeschichte. Wenn der Gletscher taut, erwachen Mikroorganismen wie die niedlichen Bärtierchen – die Tardigraden – aus ihrem langen Kälteschlaf. In einer immersiven VR-Installation können diese Wesen als Charaktere durch KI (re)animiert werden. Sie wachsen, sie interagieren und werden Teil des Storytellings: Vielleicht mutieren sie im Post-Anthropozän, von Mikroben zu Monstern, wenn das Wasser uns allen bis zum Hals steht.
Die Ausstellung „Beyond Coolness“ ist daher ein künstlerisches Laboratorium für spekulative Narrationen. Die kuratierenden und kreierenden Beteiligten laden Sie ein, dabei vielfach die Perspektiven zu wechseln, verschiedenen Stimmen zuzuhören, ausgehend von den neuen KI-unterstützten technischen Bildern: den Aufzeichnungen der Kameradrohnen und Satelliten bis tief hinunter ins Mikroskop. Genießt danach aber auch die kulinarische Ebene: Chef Toshio Kusaba bereitet uns eine Suppe zu, die Körper und Geist wärmt, während wir weiter über das Gletscherschmelzen und darüber hinaus nachdenken. Lasst uns jetzt gemeinsam durch „Beyond Coolness“ gehen. Lasst uns das Verschwinden der Eisgletscher nicht nur betrachten und passiv erleben, sondern kritisch fragen: Was kann daraus entstehen? Welche neuen Formen des Zusammenlebens mit der Natur müssen wir jetzt entwerfen? Wie können wir durch spekulative Visualisierungen und Erzählungen inspirieren und nachhaltig handeln? Ich wünsche euch dazu erkenntnisreiche Gespräche und eine spannende künstlerische Reise durch dieses einzigartige Netzwerk aus Eis, Daten und Sagen. Freut euch außerdem auf ein außergewöhnliches Konzert mit Aufnahmen aus den Bergen von BJ Nilsen. Und vergesst nicht, dazu gibt es gleich eine wärmende Erbsensuppe und eine feine Gletscherprise zum Chillen im Ö!
Pamela C. Scorzin
Pamela Scorzin ist Professorin für Kunstwissenschaft und Visuelle Kultur an der FH Dortmund. Geb. in Vicenza (Italien), Magister Artium und Dr. phil. an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, Habilitation an der TU Darmstadt, lehrt und forscht in Dortmund, Mailand und Los Angeles im Bereich digitaler Künste, aktuell zur AI Art, zur Szenografie und zur Mode. Zahlreiche internationale Veröffentlichungen und Vorträge zur Kunst und Kultur des 17. bis 21. Jahrhunderts (u. a. als AICA-Mitglied und Stammautorin des KUNSTFORUM International)